Gefiederter Mitbewohner gesucht – Die Vogel-WG des Ehepaars Heinroth

Oskar und Magdalena Heinroth zogen zwischen 1904 und 1932 mehr als 1000 Jungvögel in zwei Berliner Wohnungen groß. Die faszinierende Geschichte der beiden Pioniere der Vogelforschung ist jetzt in Buchform erschienen.

Ein Mauersegler umkreist die Hängelampe, ein Kleinspecht bearbeitet ununterbrochen die Tür des Wohnzimmerschranks, eine Nachtschwalbe brütet auf dem Teppich ihre Jungen aus, während es sich ein Waldkauz auf der Armlehne des Sofas gemütlich macht. Was sich anhört wie eine Szene aus einem märchenhaften Spielfilm, gehörte für das deutsche Ehepaar Heinroth zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum ganz normalen Alltag. In knapp 30 Jahren zogen die beiden mehr als 250 verschiedene Vogelarten in zwei Berliner Wohnungen groß. Dabei handelte es sich nicht nur um Ziervögel wie Wellensittiche oder Papageien: Die Vogelenthusiasten lebten zeitweise mit über 30 unterschiedlichen gefiederten Mitbewohnern zusammen, darunter auch große Tiere wie Seeadler und Kraniche.

Ihre große Liebe zu Vögeln und anderen Tieren entwickelten beide Eheleute bereits in jungen Jahren. Oskar Heinroth wurde 1871 in Kastel in der Nähe von Mainz geboren. Schon als kleiner Junge war er fasziniert von den elterlichen Hühnern. Schnell war er in der Lage, die unterschiedlichen Tiere allein anhand ihrer Stimmen zu erkennen. Darüber hinaus analysierte er ihre Bewegungsabläufe aufs Ausführlichste. Nachdem er auf Wunsch seiner Eltern ein Studium der Humanmedizin absolviert hatte, zog es Oskar nach Berlin, wo er in kürzester Zeit ein Zoologiestudium abschloß. In seiner Freizeit arbeitete und forschte er im Zoologischen Garten, dem zu diesem Zeitpunkt größten Zoo der Welt, sowie dem Zoologischen Museum, wo er die zwölf Jahre jüngere Magdalena kennenlernte. Magdalena war die Tochter eines wohlhabenden Berliner Ingenieurs. Dieser hatte ihr zwar verboten, das Abitur zu machen, hatte seiner tierbegeisterte Tochter dafür aber eine Position am Museum verschafft, wo sie das professionelle Präparieren von Tieren erlernte. Magdalena und Oskar verliebten sich und heirateten im Jahre 1904. Um Magdalenas Hand hatte Oskar, der zum Direktoralassistenten des Zoodirektors aufgestiegen war, nicht mit einem Ring, sondern mit einer Mönchsgrasmücke, einem kleinen Singvogel, angehalten. Das Tier wurde der erste geflügelte Mitbewohner des Paares.

Der gefiederte Daumen

Die erste Wohnung von Magdalena und Oskar enthielt ein eigenes Vogelzimmer, an dessen Längswand sich schnell diverse Käfige aneinanderreihten. Um die Pflege und Fütterung der Tiere kümmerte sich vor allem Magdalena, da Oskars Arbeit im Zoo viel Zeit beanspruchte. Sie kannte die artspezifischen Gewohnheiten der Jungvögel und schreckte nicht davor zurück, das Essen der Tiere vorzukauen, und sie notfalls auch von Mund zu Schnabel zu füttern. Magdalena verfügte außerdem über einen geradezu „gefiederten Daumen“ und päppelte vernachlässigte Vögel meist in Windeseile wieder auf. Die Wohnung wies auch eine eigene Brutstation auf. Dort konnten Eier elektronisch oder durch andere Vögel ausgebrütet werden.

Relaxound

Als Oskar 1913 mit der Planung des Berliner Zoo-Aquariums beauftragt wurde, zog die WG in eine größere Etagenwohnung in der Nähe des Kurfürstendamms. Die neue Bleibe hatte gleich zwei Vogelzimmer und war an ein Atelier angeschlossen, in dem das Paar tausende von Fotoaufnahmen der Tiere anfertigte. Schnell beschränkte sich die Vogel-WG der Heinroths nicht mehr nur auf Vögel aus der Region, sondern auch aus ganz Mitteleuropa. Diese bekam man von befreundeten Vogelkundlern und Naturliebhabern geschenkt oder importierte sie im Rahmen von Vortragsreisen einfach selbst. Jedes der Tiere bekam von dem kinderlosen Paar einen eigenen Namen: So wohnte man zum Beispiel für einige Zeit mit der Blaumerle Franz, dem Kuckuck Barnabas und dem Auerhahn Eberhard zusammen. Trotzdem waren die Vögel für Magdalena und Oskar Heinroth keinesfalls Kinderersatz, sondern vor allem eins: Forschungsobjekte. Deswegen wurde nicht nur jeder Entwicklungsschritt penibel fotografiert, sondern auch so detailliert wie möglich schriftlich festgehalten. Dabei legte das Paar großen Wert darauf, bestimmte Wesenszüge und Verhaltensmuster der Tiere genau zu dokumentieren. Nach der Aufzucht waren die „Eltern“ nicht zimperlich, denn die erwachsenen Vögel wurden meistens an andere Zoos oder Privatpersonen verschenkt, an die Schlangen des Zoo-Aquariums verfüttert oder als Sonntagsbraten verspeist.

In ihrem im Knesebeck Verlag erschienenen Buch „Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung“ würdigen die Autoren Karl Schulze-Hagen und Gabriele Kaiser die wichtige frühe Forschungsarbeit, die das Paar in seiner Berliner Wohngemeinschaft leistete. Das Magnum Opus der Heinroths „Die Vögel Mitteleuropas“, welches Beschreibungen von 286 Vogelarten sowie über 4000 Fotos beinhaltet, diente Biologen aus aller Welt als wichtige Grundlage für spätere Forschungen. Selbst der Nobelpreisträger Konrad Lorenz, der von Oskar Heinroth in jungen Jahren unterstützt wurde, bezog ihre Erkenntnisse in seine Versuche und theoretischen Überlegungen mit ein. Auch die unermüdliche Arbeit, die Oskar und Magdalena Heinroth in die Aufzucht und Pflege der Tiere steckten, ist bewundernswert. Denn eines ist klar, ein gefiederter Mitbewohner hält sich weder an einen Putzplan noch an feste Ruhezeiten!

Autor: Tim
Fotos: Oskar Heinroth / Knesebeck Verlag

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2020-11-03T17:58:01+01:00

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